Context 2/2015

Sprachen lernen – schöne neue Methoden

Verena Steiner hat mehrere Bestseller über Lernstrategien geschrieben. In ihrem neusten Buch geht es ums Sprachenlernen, und das mit Power. Worauf es dabei ankommt, sagt die Expertin im Interview.

Context: Sie haben mehrere Bücher übers Lernen geschrieben. Ganz generell: Was fasziniert Sie an diesem Thema?
Verena Steiner: Einerseits ist es das Thema, anderseits aber auch, dass ich mit meinen Büchern etwas bewirken kann. Ich habe als Werkstudentin auf dem zweiten Bildungsweg Biochemie studiert und musste zwangsläufig möglichst effizient lernen. Deshalb befasste ich mich schon damals mit Lernmethodik; ich studierte Lerntheorien und wissen­schaftliche Befunde, beobachtete und experimentierte und all dies war ein derartiger Augenöffner, dass ich bereits im Studium davon träumte, eines Tages einen Bestseller übers Lernen zu schreiben und so meine Begeisterung mit andern zu teilen. Mehr noch, die Leserinnen und Leser sozusagen hinter die Kulissen des Lernens schauen zu lassen und auch Themen wie das Vergessen, Lernfrust oder kluges Selbstmanagement anzusprechen. «Hätte ich Ihr Buch nur schon früher gelesen», schreiben denn auch viele Leserinnen und Leser. Dies zeigt mir, dass ich Impulse geben kann, was mich wiederum zum Schreiben motiviert.

«Beim Sprachenlernen geht es um mehr als Wissen und Verstehen.»

In Ihrem neusten Buch geht es ums Sprachenlernen. Unterscheidet sich das Lernen einer Sprache vom Lernen anderer Disziplinen?
Ja, denn wenn ich etwas in der fremden Sprache verstehe, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich auch sprechen kann. Beim Sprachenlernen geht es um mehr als blosses Wissen und Verstehen; es geht vielmehr wie beim Musikmachen um den Erwerb einer Fertigkeit. Sich eine solche Fertigkeit anzueignen erfordert fleissiges Üben und Beharrlichkeit.

Welches sind die wichtigsten Voraussetzungen, um eine Sprache zu lernen?
Das Wichtigste ist die Motivation. Wenn ich Freunde habe, die diese Sprache sprechen, wenn ich die Sprache im Beruf benötige und wenn ich mit Partner oder Familie oft ins Sprachgebiet in die Ferien gehe, bin ich stärker dafür motiviert, als wenn sich kein Mensch in meinem Umfeld für die Sprache oder das Land interessiert. Breit abgestützte Motivation reicht aber noch nicht aus; normal begabte Erwachsene benötigen zudem Fleiss, Ausdauer und eine gewisse Zielstrebigkeit, um spürbare Fortschritte zu erzielen.

Ist es von Vorteil, im entsprechenden Sprachgebiet zu lernen?
Dies wäre der Idealfall! Ob als Au-pair, im Studentenaustausch oder in einem Praktikum: Ich rate jungen Menschen oft zu einem derartigen Auslandjahr. Kombiniert mit wenigen Wochenlektionen kann ein solcher Aufenthalt wahre Wunder wirken – zumindest dann, wenn man die Gelegenheit wirklich nutzt, wenn man mit Einheimischen zusam­menlebt und auch ein klares Lernziel vor Augen hat.

Werden die traditionellen Lernmethoden allmählich durch neuere wie zum Beispiel Podcasts oder Skype abgelöst?
Diese Frage stellte ich mir während der Recherche für das Buch ebenfalls. Ich probierte sämtliche Möglichkeiten mit modernen Medien aus. Fazit: Die digitalen Medien können das Lernen erleichtern und die Motivation steigern. Sie ergänzen die herkömmlichen Methoden wunderbar, doch gänzlich ablösen werden sie diese kaum. Es ist nicht dasselbe, den Lehrer in Natura zu sehen oder mit ihm per Skype zu kommunizieren.
Und wer schon mal im Netz nach geeigneten Podcasts gesucht und sich dabei völlig verloren hat, wird erleichtert auf eine niveaugerechte Audioversion aus einem Sprachverlag setzen. Trotzdem ermuntere ich meine Leserinnen und Leser immer wieder, neue Methoden auszuprobieren, denn das Lernen wird so bedeutend interessanter und auch wirkungsvoller. Das eine tun und das andere nicht lassen, lautet meine Devise.

Braucht es heute noch einen Lehrer beziehungsweise eine Lehrerin zum Sprachenlernen?
Im Prinzip kann man sich bei den heutigen Möglichkeiten eine Sprache auch ohne Lehrkraft oder Kurs aneignen, sofern man sich an autonomes Lernen gewöhnt und genügend stark motiviert ist. Ich treffe mich zum Beispiel lieber jede Woche mit meiner Tandempartnerin, habe aber auch schon Ferienkurse belegt.

Wenn man eine Sprache von Grund auf neu lernt: Wie steigt man am besten ein?
Der Einstieg in eine neue Sprache ist besonders reizvoll und deshalb habe ich im Buch diesem Thema – neben dem Auffrischen und dem Vertiefen – einen eigenen Teil gewidmet. Es ist nicht dasselbe, ob man Italienisch, Russisch oder gar Japanisch lernen will. Am besten gönnt man sich eine Anwärmphase, in der man sich über die besonderen Hürden informiert, schon mal in unterschiedlichen Lernmaterialien schmökert oder probeweise eine Kurslektion besucht.

Lesen und Hören sind wichtig beim Sprachenlernen. Sind beide gleich wichtig? Oder ist das individuell?
Sowohl das Lesen wie auch das Hören sind wichtig. Zwar müssen die meisten Menschen ein Wort sehen, um es sich zu merken. Trotzdem rate ich zu zusätzlichem Hören. Es gibt mittlerweile genug interessantes und niveaugerechtes Hörmaterial und wenn man sich die Mühe macht, dieses auf das Smartphone oder den MP3-Player zu überspielen, kann man überall und jederzeit in die Sprache eintauchen.

«Sowohl das Lesen wie auch das Hören sind wichtig.»

Muss ich wissen, was für ein Lerntyp ich bin? Oder sollen möglichst viele verschiedene Lernmethoden zum Einsatz kommen?
Es ist nützlich, etwas mehr über die unterschiedlichen Lernstile zu wissen, sich selbst zu beobachten und herauszufinden, was einem am besten liegt und was besonders wirkungsvoll ist. Ich unterscheide drei Kategorien von Lernstilen: Die sensorischen Präferenzen, die Denkstil-Präferenzen sowie der persönliche und soziale Stil. Präferenzen
können sich durchaus verändern, denn sie beruhen nicht nur auf angeborenen Talenten, sondern haben auch mit unseren Gewohnheiten zu tun. Auch hier plädiere ich für individuelle Vielfalt.

Wie soll man auf Frustrationen reagieren, beispielsweise, wenn man das Gelernte immer wieder vergisst oder dieses, wenn es gefragt wäre, nicht richtig anwenden kann?
Der Umgang mit Frustration ist besonders beim Sprachenlernen ein grosses Thema. Kurz gesagt, frustriert ist man stets dann, wenn man zu hohe Erwartungen hat. Es geht darum, realistischer zu werden und die Erwartungen den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. Wenn dies gelingt, kann man ohne Frust lernen.

Schweizer und Schweizerinnen gelten als besonders versiert im Umgang mit Fremdsprachen. Zu Recht?
Was es bringt, dass wir nicht nur Englisch, sondern auch Französisch lernen, habe ich kürzlich mit einer deutschen Studienfreundin erlebt. Sie spricht zwar fliessend Englisch, weil sie in Amerika gearbeitet hat, aber sie kann kein Wort Französisch. Damit fehlt ihr auch der Zugang zu den andern lateinischen Sprachen. Als ich ihr nämlich das einfache italienische Textbeispiel in meinem Buch zeigte – ein Text, der hier jeder dank Schulfranzösisch verstehen kann –, war sie völlig frustriert.

Welches ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie während der Beschäftigung mit dem Thema Sprachenlernen gewonnen haben?
Ich habe erfahren, wie ungemein anregend ein Mix aus analogen und digitalen Methoden, aus häufigem Hören, aus TV, Lesen sowie aus dem Tandemlernen ist. Obwohl ich kein Ohrenmensch bin, merkte ich, dass tägliches Hören von passendem Material äusserst hilfreich ist.

Zur Person: Verena Steiner ist Expertin für Lern- und Arbeitsstrategien. Sie hat dazu mehrere Bestseller verfasst. Zuletzt von ihr erschienen ist «Sprachen lernen mit Power» (Beobachter Edition). Die promovierte Biochemikerin ist als freischaffende Autorin und
Referentin tätig (www.explorative.ch).